Mondnacht
Silbern vom Gewölk ins Land,
kühlend fließt die Flut
Aus des Mondes milder Hand,
Dämpfend alle Glut.
Durch den Wald ein Schimmer schwebt
Tauchet in den Fluß
Und das schwarze Wasser bebt
Unter seinem Kuß.
Hörst du, Lieb? Die Welle fleht:
Küsse, küsse mich.
Und von Schauern sanft umweht,
Sanfte küss' ich dich.
Richard Dehmel
Aussicht
Komm zum Garten denn, du Holde!
In den warmen, schönen Tagen
Sollst du Blumenkränze tragen,
Und vom kühl kristall'nen Golde
Mit den frischen, roten Lippen,
Eh' ich trinke, lächelnd nippen.
Ohne Maß dann, ohne Richter,
Küssend, trinkend singt der Dichter
Lieder, die von selbst entschweben:
Wunderschön ist doch das Leben!
Joseph Freiherr von Eichendorff
Die Küsse
In Saloniki war es nicht,
Nicht war's im schmucken Städtchen,
Im am Wlachenland liebt'
Ich einer Witwe Mädchen.
Jetzt schmückte, Mutter, schmück' das Haus,
Und schmücke deinen Garten!
Die Tochter dein so hold und fein
Soll mich als Braut erwarten.
Sie hat die Lippen rosenrot
Gefärbt mit rotem Scheine;
Ich neige mich und küsse sie,
Und färbte auch die meinen.
In dreien Flüssen wusch ich sie
Und färbte rot die Flüsse,
Und färbte rot das Meer dazu
Durch ihre roten Küsse.
Emanuel Geibel
Glück und Traum
Du hast uns oft im Traum gesehen
Zusammen zum Altare gehen,
Und dich als Frau, und mich als Mann.
Oft nahm ich wachend deinem Munde,
In einer unbewachten Stunde,
So viel man Küsse nehmen kann.
Das reinste Glück, daß wir empfunden,
Die Wollust mancher reichen Stunden
Floh, wie die Zeit, mit dem Genuß.
Was hilft es mir, daß ich genieße?
Wie Träume fliehn die wärmsten Küsse,
Und alle Freude wie ein Kuß.
Johann Wolfgang von Goethe |
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Liebe schwört allein in Küssen,
Anders ist ihr Wort nicht wahr,
Doch auch ohne selbst zu müssen,
Reicht sie Küsse willig dar:
Einen Kuß an jedem Morgen,
Wenn das Herz vom Schlaf erwacht,
Einen nach des Tages Sorgen,
Tausend Küsse in der Nacht.
Martin Greif
Was ist ein Kuß?
Ein Wunder, ein Geheimnis ist der Kuß;
Denn wie des Morgenlandes Weisen sangen,
Die Lippe küßt, wohin das Herz sich neigt;
Ehrfurcht die Hände, Sklavendienst das Kleid,
Die Freundschaft auf die Wangen; auf die Stirne
Küßt tröstend Mitgefühl; doch auf die Lippen
Drückt Liebe ihren Kuß, wildloderndes
Verlangen auf das müd' geschoss'ne Auge,
Und Sehnsucht haucht ihn seufzend in die Luft:
Noch mehr! Ein Kuß ist das, was ihr ihn schätzt;
Nichts, wenn ihr scherzt, und wenn ihr's ernst meint, alles;
Er kühlt und glüht; er fragt und er gibt Antwort,
Er heilt und er vergiftet, trennt und bindet;
Er kann versöhnen und entzweien, kann
Vor Wonne töten, und kann Tote wecken.
Und mehr noch, mehr! Was könnte nicht ein Kuß?
Friedrich Halm
Ehmals glaubt' ich, alle Küsse,
Die ein Weib uns gibt und nimmt,
Seien uns durch Schicksalsschlüsse
Schon urzeitlich vorbestimmt.
Küsse nahm ich und ich küßte
So mit Ernst in jeder Zeit
Als ob ich erfüllen müßte
Taten der Notwendigkeit.
Jetzo weiß ich: überflüssig
Wie so manches, ist der Kuß,
Und mit leichtern Sinnen küss' ich,
Glaubenslos im Überfluß.
Heinrich Heine
Hast du die Lippen mir wund geküßt,
So küsse sie wieder heil,
Und wenn du bis abends nicht fertig bist,
So hat es auch keine Eil'.
Du hast ja noch die ganze Nacht,
Du herzallerliebste mein.
Man kann in solch' einer ganzen Nacht
Viel küssen und selig sein.
Heinrich Heine |